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Türkei: Warum der Begriff „Völkermord“ so heikel ist


Die Historiker-Welt ist sich in überwältigender Mehrheit einig: 1915 fand ein Völkermord an den Armeniern statt, durchgeführt von Militärs und Soldaten des untergehenden Osmanischen Reiches. Die Republik Türkei als direkter Nachfolgestatat des Osmanischen Reiches erkennt diese Massaker, bei deinen nach Schätzungen zwischen 900.000 und 1,1 Millionen christliche Armenier in die syrische Wüste deportiert und auf sogenannte Totenmärsche geschickt wurden, bis zum heutigen Tage nicht als Völkermord an, sondern bezeichnet diese als „trauriges Ereignis im Rahmen sicherheitspolitischer und kriegsbedingter Schutzmaßnahmen“. Da muss man tief durchatmen. Erwiesen und nahezu unbestritten ist heute: der Völkermord fand statt und die Türkei trägt dazu eine nach wie vor historische und soziale sowie politische Verantwortung.

Der frühe türkische Nationalismus

Warum aber tut sich die Türkei derart schwer damit, diesen Genozid ihres Vorgängerstaates, mit dem sie juristisch nichts zu tun, als Völkermord anzuerkennen, so wie es die Deutschen mit dem Massenmord der Nazis an den europäischen Juden getan haben? Die Gründe dafür haben direkt mit dem Gründervater der Türkei zu tun: Mustafa Kemal Atatürk, dem „Vater der Türken“. Nach der Gründung der Türkei 1923 erfasste ein Welle nationalistischen Stolzes die „alle Türken, und all jene, die kulturell zum türkischen Staat gehören“, wie Atatürks Gefährte und erster Ministerpräsident Ismet Inönü es beschrieb. Kulturell zum neuen jungen türkischen Staat gehörten nach der Auffassung der Kemalisten, der Anhänger Atatürks, alle, die mit der türkischen Kultur verbunden waren. In den Augen der Osmanen gehörten die christlichen Armenier und Assyrer nicht zu diesem „reinen“ Türkentum und gehörten „entfernt“. In den Wirren des Ersten Weltkrieges, in den das Osmanenreich an der Seite des alten Freundes Deutschland mit Hoffnung auf erneuten Ruhm eingetreten war, warf man der armenischen Bevölkerung als Kollektiv vor, die russische Invasion im Osten des Landes mitverantwortet zu haben und den Russen als Kollaborateure (Mithelfer) verräterisch gedient zu haben. Mit dieser Begründung deportierte man am 24. April 1915 die ersten 235 Armenier in die syrische Wüste. Sie gehörten nicht in das Bild eines türkisch-islamischen Staates und wurden zu Sündenböcken für den Untergang gebrandmarkt.

Der Gründungsmythos ist das Problem

Als die Kemalisten unter Atatürk das Land weg von der Religion des Islam in den Laizismus (Trennung von Religion und Staat) führten, erfolgte dies im Rahmen einer ethno-türkischen Begeisterungswelle, bei der man die Reinheit und Einheit des türkischen Staates als Land der „reinen Türken“ beschwor. Unter diesem Gesichtspunkt geriet der nur wenige Jahre zuvor durchgeführte Massenmord an der Minderheit der Armenier in die kollektive Verdrängung.
Aufgrund dieses nationalistischen Gründungsmythos der Türkei, der mit dem „großen Vater“ Atatürk entstanden ist, fällt es der türkischen Regierung bis heute schwer, vor dem Hintergrund dieser Homogenisierung, sprich ethnischen Säuberung, die Massaker als Völkermord anzuerkennen. Damit würde die Türkei aus ihrer Sicht eine Herabsetzung des Mythos der Etablierung eines türkischen Nationalgeistes des von allen so geliebten Gründervaters betreiben, beschneiden türkische Historiker, die sich zusammen mit anderen europäischen Forschern in Forschungskommissionen um eine Klärung des Problems bemühen.

Deutschland bezieht – endlich – Position

Bundespräsident Gauck verwendete in seiner Rede am 24. April 2015 den Begriff „Völkermord“. In Abstimmung mit der Bundesregierung, die den aufkommenden Ärger mit der Türkei ausbügeln werden wird. Er räumte auch eine deutsche Teilschuld ein, denn es waren deutsche Offiziere, die die osmanische Logistik unterstützten. Auch der US-Senat und die französische Nationalversammlung benutzten den Begriff „Genozid“ in der Vergangenheit. Nachdem der österreichische Bundestag gestern eine entsprechende Resolution verabschiedete, zog Ankara ihren Botschafter aus Wien ab. Da ist man knallhart. Und doch so feige.

Heute leben noch etwa 60.000 Armenier in der Türkei. Diplomatische Beziehungen zwischen der Republik Armenien im Osten der Türkei und der Republik Türkei gibt es seit 1993 nicht mehr. Wenn die Türkei ernsthaft daran interessiert ist, weiterhin ein Beitrittskandidat der EU zu bleiben, sollte sie sich den historischen Realitäten stellen und das Wort „Völkermord“ bei der Beschreibung der Massaker verwenden.

Ansonsten tut sich die Türkei für ihre zukünftige Politik keinen Gefallen.

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