Wir recherchieren. Wir hinterfragen. Wir hören zu. Wir sprechen aus, was andere denken. Monday - Sep 25, 2017

WhatsApp: Regt euch nicht auf!


WhatsApp ist aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Es hat sich völlig in unsere Sozialstruktur integriert und ist mittlerweile zu einem „global player“ in unseren sozialen Gefügen geworden. Wer kein WhatsApp nutzt oder die Nutzung suspendiert, gilt als „alternativ“, wird schief angesehen oder ironisch belächelt. Allein durch diese Art des Umgangs mit „Ausscherern“ wird deutlich, wie sehr dieses soziale Netzwerk, mehr noch als Facebook, unseren täglichen Sozialcocktail beeinflusst.

Nun gibt es eine neue Funktion in unserem social door to the world: neben den bereits bekannten Häkchen in einfacher und zweifacher Ausführung, gibt es diese nun auch in einem modischen hellblau – auch ohne Update, also ganz kostenlos und ohne Aufwand. Bei gesendeten Nachrichten bedeutet ein graues Häkchen, dass die Nachricht erfolgreich auf den WhatsApp-Server hochgeladen wurde. Ein zweites Häkchen dazu gibt an, dass die Nachricht weiter auf das Handy des Empfängers geleitet, jedoch noch nicht gelesen wurde. Diese Lücke füllen jetzt die blauen Häkchen, im Netz schon „heart breaker hooks“ oder „nightmare hooks“ genannt: sie zeigen jetzt an, dass der Empfänger die Nachricht tatsächlich gelesen hat. Und genau hier liegt das Problem für manche Nutzer.

WhatsApp hat bereits die Funktion der Anzeige von „zuletzt online“, „online“ und „schreibt…“. Damit ist es also möglich, das Nutzungsverhalten seines Chatpartners während und außerhalb des persönliches Chats nachzuverfolgen. Die Prüfung, wann wer wie lange zuletzt diese App genutzt hat, ist für Jedermann und Jedefrau möglich und erfordert keine umständlichen technischen Know-How-Fähigkeiten, selbst Oma Gretel kann dies bewerkstelligen, wenn sie wissen will, wann ihr Herbert das letzte Mal mit der heißen Nachbarin geschrieben hat. Das ewige Problem des Nicht-zurück-Schreibens, auch wenn auf dem Display zwei graue Häkchen angezeigt werden, treibt viele Nutzer bereits in die Nähe psychose-ähnlicher Zustände: wenn ich doch weiß, dass die Nachricht an das Handy meines Freundes oder meiner Freundin geleitet wurde und er oder sie sowieso 24/7 im Internet lebt, warum schreibt er oder sie dann nicht zurück? Dass man einfach anrufen könnte, um ein Problem direkt und persönlich zu besprechen, liegt vielen wohl sehr fern. Nun kommt jedoch die blaue Erlösung: die blauen Häkchen. Sie zeigen an, dass die Nachricht vom Gegenüber gelesen und persönlich verinnerlicht wurde. Punkt. Ende. Aus. Da gibt es kein Pardon mehr. Wer meine Nachricht gelesen hat und kein Wasser gekauft hat oder im Kino keine Sitze reserviert hat, der ist dann eben selbst Schuld.

Viele Nutzer beklagen sich dieser Tage über diese neue Funktion mit den Worten, dass sie es für einen „Affront gegen den Datenschutz“ oder ihre persönliche Freiheit in ihrem Nutzungsverhalten empfinden. Ich frage mich: mit welcher Begründung? Die gleichen Nutzer von WhatsApp surfen tagtäglich auf Mark Zuckerbergs Herzensstück Facebook und posten Videos, Fotos, Selfies und schreiben Kommentare, erweitern ihr Profil und teilen so ziemlich ihren gesamten Lebensinhalt. Facebook speichert alle Daten und man gibt sogar seine Rechte an Fotos und Videos ab, die man hochlädt. Damit könnte Facebook beispielsweise Werbung machen. Lädt ein Nutzer von Bild von sicher von der letzten Studentenparty hoch, auf dem er oder sie eine Coke trinkt, könnte das in wenigen Wochen auf leinwandgroßen Bannern in der ganzen Stadt hängen: die neue Coke-Werbung. Und außerdem hat Facebook auch die Lesebestätigungs-Funktion, sogar mit Datum und Uhrzeit. Diese Funktion gibt es nun lediglich mobil – für WhatsApp. Worin besteht also der Grund, sich zu beklagen?

Dass WhatsApp das Wort „Datenschutz“ aus seinen internen Wortschätzen gestrichen hat, ist ein offenes Geheimnis. Jeder Nutzer weiß um seine persönlichen Informationen auf den Server des US-Unternehmens, das vor nicht allzu langer Zeit von Facebooks Mark Zuckerberg für unglaubliche $16 Mrd geschluckt wurde. Und nun bestimmt Mr Zuckerberg auch bei WhatsApp mit – genau wie bei Skype übrigens auch.

Das ironische an der ganzen Sache: man beklagt sich über Nutzer, die nicht antworten, obwohl gelesen. Aber mal ehrlich: wer antwortet denn direkt auf jede Nachricht und ertappt man sich nicht manchmal selbst dabei, auf eine Nachricht bewusst nicht zu antworten?

Wer absolut gegen diese Datenschinderei ist und sicher sein will, dass es nicht möglich ist, den Online- und Chatstatus zu lesen, dass Chatverläufe gespeichert werden oder eine automatische Lesebestätigung gesendet wird, der sollte sich den neuesten Messenger runterladen: den Brief.

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