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Presseschau 28.06.2015


In der heutigen Presseschau geht es um die Anschläge in Tunesien, Frankreich und Kuwait vom vergangenen Freitag, bei denen insgesamt 65 Menschen umkamen. Mittlerweile hat sich die radikalsunnitische Terrororganisation des sogenannten Islamischen Staates (IS) zu diesen Anschlägen bekannt.

Die Maghreb-Expertin und Leiterin der Forschungsgruppe Naher/Mittlerer Osten und Afrika der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), Isabelle Werenfels, führt im Interview mit der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG an:

Es ist Tatsache, dass sich auch nicht gewaltorientierte Personen aus dem salafistischen Umfeld verfolgt und unterdrückt fühlen. Es sind aber auch Blogger und Gewerkschafter verhaftet worden, weil sie sich kritisch über die Sicherheitskräfte äußerten. Es ist eine Gratwanderung, auf die sich die tunesische Regierung begeben hat. Tunesien ist ein Symbol für eine vergleichsweise liberale arabische Gesellschaft. Das Land zeigte bisher, dass auch Islamisten sich an demokratische Spielregeln halten können und dass eine Demokratisierung tatsächlich möglich ist in einem arabischen Land. Erst vor wenigen Wochen ist die erste Lesben- und Homosexuellenvereinigung vom Innenministerium legalisiert worden – ein Novum in der arabischen Welt.

Soweit die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG.

Der Anschlag trifft die tunesische Tourismusindustrie an einem wunden Punkt. ZEIT ONLINE schreibt dazu: „Für Tunesiens Tourismusindustrie ist dieser zweite Terroranschlag nach dem Attentat im Bardo-Museum vor drei Monaten eine Katastrophe, deren Dimensionen sich noch gar nicht ausmalen lassen. 190.000 Hotelbetten hat das Land. 6,1 Millionen Gäste buchten im letzten Jahr einen Urlaub in der kleinen nordafrikanischen Mittelmeernation, eine Million weniger als zu den besten Zeiten vor dem Arabischen Frühling 2011. Zuletzt erwirtschaftete die Ferienbranche stattliche 16 Prozent des tunesischen Bruttosozialprodukts. 470.000 Menschen arbeiten im Tourismus, das entspricht knapp 14 Prozent aller Beschäftigten. Zusätzliche zwei Millionen profitieren indirekt als Lieferanten, Fahrer, Landwirte oder Handwerker von dem Feriengeschäft. Was die Terrortat für die gerade beginnende Hochsaison in Tunesien bedeutet, ließ sich bereits seit den Nachtstunden zu Samstag auf dem Enfidha-Flughafen in Sousse ablesen. Bis vor die Außentüren des Abflugterminals stauten sich die Reisenden, die nur noch eins im Sinn hatten: möglichst schnell wegzukommen aus dem Land, in dem tags zuvor ein junger Informatikstudent wahllos 38 Urlauber erschoss, die meisten von ihnen aus Großbritannien. Über 5.000 Touristen sind inzwischen ausgeflogen worden, abgeholt von einer Flotte von gut 25 Charterflugzeugen, die europäische Reiseveranstalter sofort in Richtung Tunesien dirigiert hatten“, informiert ZEIT ONLINE.

Nach dem Anschlag werden die Rufe nach einer starken Führung zur Vermeidung solcher Geschehnisse immer lauter. SPIEGEL ONLINE beschreibt die Sehnsucht nach einem neuen starken Mann: „‚Es reicht!‘, schimpft ein junger Mann, der im Hotel nebenan arbeitet. „Wir brauchen unbedingt strengere Gesetze und vor allem eine Polizei, die ihre Arbeit macht und nicht faul im Schatten liegt oder versucht, irgendwem Geld aus der Tasche zu ziehen. Unter Ben Ali gab es so etwas nicht!“ Solche Stimmen hört man überall in Sousse: Sehnsucht nach Ben Ali. Ausgerechnet Zine el-Abidine Ben Ali, jener Diktator, der das Land mehr als zwei Jahrzehnte autokratisch regierte und sich und seine Familie dabei schamlos bereicherte. „Ben Ali war vielleicht ein Dieb, aber unter ihm ging es der Wirtschaft gut und Tunesien war ein sicheres Land“, sagt der Souvenirhändler Chelli. „Was nützt uns Demokratie, wenn wir keine Arbeit haben und es keine Sicherheit gibt?“ Es sind tragische Worte für Tunesien, jenes Land, in dem die arabische Revolution ihren Anfang nahm. Am 17. Dezember 2010 zündete sich ein junger Obsthändler in einer armen Kleinstadt an, weil er gegen die Willkür der Herrschenden protestieren wollte. Mohammed Boazizi starb, aber seine Wut übertrug sich zunächst auf das ganze Land und später auf nahezu die gesamte arabische Welt. Es war die wirtschaftliche Not der jungen Tunesier und das Klima der Unterdrückung, die eine große Bewegung in Gang setzten. Ben Ali floh am 14. Januar 2011 mit seiner Familie nach Saudi-Arabien. Tunesien wurde das einzige Land, das sich infolge des Arabischen Frühlings einigermaßen demokratisch entwickelte. Aber die Rufe nach einer „starken Hand“ werden immer lauter, denn wirtschaftlich entwickelt sich Tunesien seit Ben Alis Sturz eher schwach. Die Arbeitslosigkeit nimmt zu, Preise für Lebensmittel steigen dramatisch, immer mehr Menschen rutschen in die Armut. Der Frust der Jungen ist größer als zu Beginn des Aufstandes. Es scheint, als verlören sie das Selbstvertrauen, das sie aus ihrer erfolgreichen Rebellion gewonnen hatten“, stellt SPIEGEL ONLINE fest.

Das Nachrichten-Magazin FOCUS geht nochmal auf die Anschläge in Kuwait und Frankreich ein und warnt, das Potential des Terrors nicht zu unterschätzen. Das Blatt mahnt: „Der Attentäter kommt während des Mittagsgebets in die Al-Imam al-Sadek Moschee. Etwa 2000 Gläubige sind da. Der Mann kniet sich in einer der hinteren Reihen. Dann zündet er seinen Sprengsatz. Fast 30 Menschen sterben, mehr als 200 werden verletzt. Der Attentäter von Lyon hisste eine IS-Flagge, zu dem Anschlag in Tunesien bekannte sich die Terrormiliz Islamischer Staat auf Twitter, für die Bombe in der Moschee übernahm der saudi-arabische Ableger des IS die Verantwortung. Auch wenn sich solche Bekenntnisse schwer verifizieren lassen, ist die Gleichzeitigkeit der Ereignisse in verschiedenen Ländern doch beängstigend. Mit dem „schwarzen Freitag“ hat sich der IS in den Schlagzeilen wieder ganz nach oben katapultiert. Doch ist das der Anfang? Am Montag jährt sich die Ausrufung des Kalifats durch den Islamischen Staat zum ersten Mal“, gibt der FOCUS zu bedenken.

Damit endet die Presseschau. Die nächste Presseschau gibt es am 5. Juli.

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