Wir recherchieren. Wir hinterfragen. Wir hören zu. Wir sprechen aus, was andere denken. Saturday - Nov 25, 2017

#refugeesWelcome – eine Schule hilft


Eindrücke von Lucas Kulczycki

Die Flüchtlingskrise beschäftigt derzeit ganz Europa. Während die EU noch über eine unionsweite Verteilung diskutiert, wird diese bereits in ganz Deutschland durchgeführt. Ab Zugverkehrsknotenpunkten, wie z.B. dem Flughafen Köln-Bonn, werden die Hilfesuchenden meist mit Bussen in Städte gebracht, in denen sie in Erstaufnahmeeinrichtungen auf die Bearbeitung ihres Asylantrags warten. Eine dieser Städte ist die nordrhein-westfälische Kleinstadt Rösrath mit knapp 28.000 Einwohnern.

Am 17. September erreichte die Freiherr-vom-Stein-Schule die Meldung, dass etwa 100 Flüchtlinge in einer ihrer Sporthallen untergebracht werden müssen; bereits am Tag darauf wurden die Schüler darüber informiert. Dieser Platz bietet sich als Flüchtlingsunterkunft an, zumal der Schulkomplex über zwei Turnhallen verfügt, von denen die größere Platz für vier gleichzeitig stattfindende Sportkurse hat. Der Sportunterricht muss nun zwar etwas umgeplant werden. Trotzdem ist der dadurch entstandene Schaden sehr gering. Sofort nach der Verkündung breitete sich eine Stimmung der Hilfsbereitschaft in den Kursen aus. Viele Schüler nahmen die Neuigkeiten sehr positiv auf und wollten sofort helfen. Auf Nachfrage beim Schulleiter stellte dieser klar, dass Hilfe zur Zeit nicht benötigt werde, da genug Helfer zur Verfügung stünden.

Trotzdem mussten am frühen Nachmittag einige Kurse der Oberstufe dabei helfen, die Sporthalle auszuräumen und die Sportgeräte in die größere Halle zu bringen, damit in der Aufnahmestelle der Flüchtlinge Platz für alles Nötige ist. Die Hilfsbereitschaft und Motivation war so immens, dass innerhalb von 45 Minuten das Interieur einer ganzen Sporthalle in eine 200m entfernte Turnhalle gebracht werden konnte. Zugegeben, der Weg wurde mit Lastwagen bestritten, aber auch diese mussten schließlich irgendwie be- und entladen werden – und die Treppen in der Turnhalle konnte man mit dem Auto selbstverständlich nicht bezwingen.
Zusätzlich dazu gelang es der Stadt über das Wochenende, die Fahrradständer, die neben der Turnhalle standen, auf einen Teil des Schulhofs umzupositionieren und alles Nötige, wie Zelte und Absperrungen, aufzubauen.

(erkennbare Gesichter wurden retuschiert)

(Foto: Privat; erkennbare Gesichter wurden retuschiert)

Dienstag war es dann so weit: Am Abend trafen die Hilfesuchenden mit Bussen ein. Laut in der Schule herumschwirrenden Gerüchten, die teilweise auch von Lehrkräften bestätigt wurden, handelte es sich für viele der Menschen um ihre Erstaufnahme in der Europäischen Union. 72 Flüchtlinge sind in der Sporthalle des Freiherr-vom-Stein-Gymnasiums letztendlich untergebracht.

Heute sind die Umstände deutlich zu erkennen. Teile des Schulweges mussten abgesperrt werden, mit der Begründung, dass die Checks noch nicht vollständig abgeschlossen seien und noch immer Krankheiten verbreitet werden könnten. Auch wegen der Sicherheit jüngerer Schüler und der Privatsphäre der Asylbewerber sei nicht länger der vollständige Schulweg begehbar. Dies solle allerdings nur vorübergehend der Fall sein.
Für uns Schüler ist dies teilweise bemerkbar. Ich persönlich habe keinen Nachteil aus dieser Situation, doch beklagen sich einige Mitschüler darüber, dass ihr Schulweg nun einige Minuten länger sei als sonst, da sie einen Umweg gehen müssten. Im Großen und Ganzen jedoch zeigt sich die Mehrheit sehr verständnisvoll.

Trotz der großen (und sehr kurzfristig eingetroffenen) Umstände haben es das Freiherr-vom-Stein-Gymnasium und die Stadt Rösrath also geschafft, innerhalb weniger Tage eine komplette Turnhalle für Flüchtlinge vorzubereiten. Ohne die Helfer wäre dies wahrscheinlich so reibungslos nicht möglich gewesen, wir können aber daraus lernen: Wenn selbst eine Kleinstadt und eine Schule, die unter ihren Schülern oft für mangelnde Organisationsfähigkeit kritisiert wird, es schaffen, innerhalb von vier Tagen eine Turnhalle für Flüchtlinge vorzubereiten, wozu auch gehört, alle Sportgeräte auszuräumen, den nebenliegenden Fahrradstellplatz umzupositionieren, alle nötigen Hilfsgüter (Betten, Zelte, Absperrungen usw.) sowie Verpflegung (Nahrung, Hygieneartikel usw.) anzufordern und zusätzlich auch noch eine rund-um-die-Uhr Security zu beauftragen, dann hat Deutschland sehr wohl die nötigen Ressourcen dafür, dieser Last der Flüchtlingskrise standzuhalten. Sehr viel dieser Belastbarkeit kommt von Spenden aus der Bevölkerung, doch diese ist – allseits bekannt – in Großteilen der Republik sehr hilfsbereit.

Selbstverständlich wird nicht jede Kommune es so vorbildlich schaffen wie Rösrath es getan hat. Doch gerade deshalb ist es umso wichtiger, dass alle sich gegenseitig helfen und der Bund die Kommunen entlastet. Wenn die Belastbarkeit einer Stadt nämlich nicht überstrapaziert wird – und das wird sie bei richtiger Organisation und Unterstützung auf keinen Fall – kann jede Stadt es schaffen, ihren Beitrag dazu zu leisten, dass Deutschland dieses Problem gehobenen Hauptes meistert.

Dass Rösrath seine Arbeit also sehr erfolgreich erledigt hat, beweisen nicht nur der reibungslose Ablauf, sondern auch die Tatsache, dass Flüchtlingskinder fröhlich auf dem anliegenden Sportplatz hinter der Turnhalle mit einem von der Schule zu Verfügung gestellten Ball Fußball spielen, und ihre Sorgen wenigstens für einige Zeit vergessen können. Und an dieser Stelle noch eine Beobachtung meinerseits: Die Hilfesuchenden, die man bereits vor der Turnhalle sehen kann, sind ganz normale Menschen wie der Rest von uns. Viele sind freundlich und lächeln einen an, ihre Kleidung und ihr Benehmen sind ganz normal und unauffällig. Es sind ganz normale Menschen; es sind keine verwahrlosten Verrückten, wie einige es gerne glauben und verallgemeinern. Dass unter knapp 1. Mio. Menschen – so viele werden bis zum Ende des Jahres erwartet – auch eben solche oder sogar Kriminelle dabei sein können, sollte jedem mit gesundem Menschenverstand klar sein, aber die Mehrheit der Menschen ist völlig normal und nicht anders als wir. Wer es nicht glaubt, kann ja gerne selbst mal nachgucken.

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